Dem Leid und dem Tod, dem Schmerz und der Not zu begegnen, ist eine zweischneidige Sache, ob es in den Medien und auf Bildern passiert oder im realen Leben. Einerseits: Das, was da zu sehen ist – ob es der Erkrankte an Ebola ist oder die junge Frau, die anderen zu Hilfe eilte und selbst Opfer der Gewalt wird – dieser Mensch und seine Situation, das berührt Dich. Diese Not braucht unseren Einsatz, jener Skandal muss ins Licht der Öffentlichkeit, das muss anders werden. „In den Fokus“ zu nehmen, das bedeutet aufmerksam zu machen, hinzusehen. Das Leid bekommt ein Gesicht, das zum Helfen, zum Verändern ermutigt. So soll es ja sein. Einerseits.

Doch auch so ist es, andererseits: Der Mensch auf dem Bild oder in seiner Not direkt vor mir, er ist in aller Schutzlosigkeit zu sehen, ist ausgeliefert, vielleicht sogar bloßgestellt, seine Verletzlichkeit ist ausgestellt, er kann sich nicht wehren – gegen sein Leid und gegen meine Blicke zugleich. Der Mensch verliert sein Gesicht. Das verführt dazu, nur noch zu gaffen, oder es stößt mich ab; bloß weg, mit meinem Leben oder auch nur mit meinen
Gedanken nicht reingezogen werden. Hilfe zu geben, das scheint nicht zu schaffen zu sein.

Der Ökumenische Kreuzweg der Jugend 2015 sucht von unserem Leben, von dieser Gegenwart aus den Blick auf Jesus, auf seinen Weg ans Kreuz und seinen Tod. Jesus ist schutzlos – und Gott lässt sich in Jesus „blicken“. Und ER schaut auf uns, auf unsere Blicke, auf unser Handeln, auf
unsere Not, auf Dein Leid. So könnte der Kreuzweg für Dich mehr sein, als Jesus auf seinem Weg zuzusehen. Gott war Mensch, und Gott bleibt bei Dir, Mensch, an Deiner Seite, in Deinem Leid, Deinen Fragen. Es könnte SEIN Weg mit Dir werden, mit IHM Beziehung aufzunehmen.
Wenn Du das willst.
Die Kreuzwegstationen entstammen einer Gestaltung von Kupferblechen, die ehemals die Kirchtürme der alten Stiftskirche in Bücken, Niedersachsen, zierten. Zeit und Gewalt haben sie patiniert. Die Kraft und Ruhe der Fotografie der sieben Kreuzwegestationen fokussiert in diesem Jahr den besonderen Kontrast zu Medien unserer Zeit, zu den Subjektivitäten des TV, den starren Fotos und Nachrichten der Magazine und Zeitungen; dem allgegenwärtigen Flirren des Internets. Wohl noch nie zuvor gab es so faszinierend differenzierte Möglichkeiten wie in unserer Zeit, sich Bilder der Wirklichkeit zu machen. Doch was sagen all diese Bilder Dir wirklich über das Wesentliche? Wie unscharf erzählen sie von der Wahrheit?
Inmitten all jener Möglichkeiten erscheinen im medial vermittelten oder direkten Umgang miteinander gerade gemäß der sogenannten sozialen Medien bedingungslose wechselseitige Partizipation und permanenter Austausch als Ideale unserer Zeit. Was aber, wenn es dabei eben ums Eingemachte geht, darum, was die Bilder und Begegnungen Dir bedeuten, wenn es um das Leben und um den Tod selbst geht?

Das, was wesentlich ist, in den Blick nehmen, dazu wollen die Entwickler des Jugendkreuzwegs Euch ermutigen: Vom Blick auf den Tod her wird klar, was das Leben ist; und von da, was eigentlich der Mensch ist. Wirkliche Begegnung miteinander kann erst aus dem Mut erwachsen, einander auf den Kreuzwegen des Lebens dorthin zu begleiten, was uns im Innersten erfüllt: Die Begegnung mit der Liebe jenes Gottes, der vom Tod zum Leben führt.

Bilder des Kreuzweges: Stiftskirche Buecken – Der Kreuzweg von Holger Hirndorf.